« Zurück

Meditativer Impuls Dezember 2016: Macht hoch die Tür – für gelebte Barmherzigkeit

Barmherzigkeit braucht weiterhin offene Türen

Am Christkönigsonntag hat Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beendet und die Heilige Pforte im Petersdom in Rom geschlossen. Ebenso wurden in den Diözesen der ganzen katholischen Welt Heilige Pforten geschlossen. Von Papst und Bischöfen wurden im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit starke Zeichen gesetzt:

  • Barmherzigkeit bei Flüchtlingen kennt keine Obergrenzen.
  • Gefangene brauchen Amnestie, zumindest befreiende Begegnungen in einer versöhnenden Haltung.
  • Im Denken gibt es kein Zurück mehr hinter das II. Vatikanische Konzil. Das Jahr der Barmherzigkeit wurde ausgerufen 50 Jahre nach dem II. Vatikanum.

So war es für Papst Franziskus selbstverständlich, Flüchtlingen nahe zu sein. Er besuchte selbst Gefangene, tauchte unangemeldet in den Erdbebendörfern Italiens auf, lud Obdachlose in den Vatikan ein und überraschte vor ein paar Tagen sieben ehemalige Priester, die geheiratet und eine Familie gegründet haben, zu Hause in ihren Wohnungen.

Barmherzigkeit im adventlichen Magnifikat
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit… sein Zepter ist Barmherzigkeit" singen wir in einem bekannten Adventslied. Barmherzigkeit braucht weiterhin offene Türen und Herzen.
Der Evangelist Lukas berichtet uns von der Barmherzigkeit Gottes. Er schreibt in seinem adventlich geprägten Text von Maria, wie sie wenige Tage nach der Verheißung der Geburt des Gottessohnes durch den Engel Gabriel ihre Verwandte Elisabeth besucht (Lk 1,39-56). Bei der Begrüßung wird Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und preist Maria und ihr Kind. Maria singt darauf ihr Loblied, das Magnifikat:

Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,
und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht
über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Zwei Mal ist ausdrücklich von „Barmherzigkeit" die Rede:
„Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht"
„Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen"

Barmherzigkeit im Lutherjahr
Tatsächlich begleitet uns Barmherzigkeit weiterhin, denn wir befinden uns im nächsten Themenjahr: Wir begehen das Gedenkjahr zu „500 Jahre Reformation" durch Martin Luther. Den Theologieprofessor in Wittenberg beschäftigte das Thema „Barmherzigkeit" sehr. Er selbst sah in Maria ein Vorbild des Glaubens und schrieb zum adventlich geprägten Lobgesang, eine 40 Seiten lange, uns überlieferte Predigt.
Immer wieder greift Martin Luther darin diese Gedanken zur „Barmherzigkeit" auf. Hart geht er dabei mit jenen ins Gericht, „die im Herzen voll Hochmut sind" und meinen, nur sie hätten die Weisheit für sich gepachtet. Für sie gelten die Worte: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen". Luther fordert zur Umkehr und Erneuerung der Gottesbeziehung auf: Diese Beziehung solle durch Glauben aus Gnade und durch Betrachtung der Heiligen Schrift gestärkt werden. Er schließt seine lange Predigt mit den Worten „So dass beides bleibe, Furcht Gottes und Barmherzigkeit."

Papst Franziskus, der zum Auftakt des Gedenkjahres zur Reformation mit den Lutheranern in Schweden feierte, hat sich für die kommende Weihnachtszeit etwas Besonderes für den Petersplatz in Rom einfallen lassen: Die lebensgroße Krippe wird in einem Fischerboot aus Malta aufgestellt. Die Bootsflüchtlinge dürfen also weiterhin auf die gelebte Barmherzigkeit des Papstes bauen.

Georg Deisenrieder
Pastoralreferent