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Meditativer Impuls April 2017

Darf ich dir die Füße waschen?

Es war für einige Menschen durchaus befremdend, als Joseph Beuys in der Fußgängerzone in Frankfurt Passanten die Füße wusch. Es gab aber auch Interessierte, die sich ansprechen ließen, Schuhe und Socken auszogen und dem Künstler zu dieser Aktionskunst die nackten Füße hinstreckten.

Rupert Preißl (Regensburger Maler, 1925-2003), Fußwaschung, Konferenzraum des Caritas-Landesverbands, München; Foto: Georg Deisenrieder, mit freundlicher Genehmigung von Edda Preißl

Den professionellen Helferinnen und Helfern in der sozialen Arbeit ist es vertraut, für andere ihren Dienst zu leisten. Auch in unserer KJF gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die anderen Menschen die Füße waschen. Wie würde ich reagieren, wenn mich ein anderer fragte: „Darf ich dir die Füße waschen?" Wäre ich bereit, einen Dienst anzunehmen, bei dem sich ein anderer vor mir klein macht und niederkniet, so dass die Augen nicht mehr auf gleicher Höhe sind?

Bei den Fußwaschungen am Gründonnerstag ist davon auszugehen, dass die meisten Füße, die im Dom und in den Pfarrkirchen gewaschen werden, vorher zu Hause säuberlich gebadet wurden sowie neue Socken und geputzte Schuhe bekamen. Schließlich will sich doch niemand vor dem dienenden Bischof, dem Priester oder Diakon die Blöße geben und ihm schmutzige Füße entgegenstrecken. So wird es wohl auch gewesen sein, als Papst Franziskus im vergangenen Jahr Asylbewerbern, vier Katholiken aus Nigeria, drei Koptinnen aus Eritrea, drei Muslimen aus Mali, Pakistan und Syrien, einem Hindu aus Indien sowie einer italienischen Mitarbeiterin der Asylunterkunft die Füße wusch.

Dieses liturgische Spiel hat tiefe Bedeutung. Es trifft den Kern sozial-caritativen Handelns in unserer KJF. Da ist nicht nur die Frage nach dem Dienen im Raum, sondern auch: „Kann ich selber diesen Dienst annehmen?" Petrus hatte damit seine Schwierigkeiten und sagte in der Fußwaschungsszene beim Letzten Abendmahl zu Jesus: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!", worauf der Meister antwortete: „Wenn ich dich nicht wasche, hast Du keinen Anteil an mir!" Und zu allen Jüngern sagte er: „Wenn ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen." (Joh 13,8.13)

Anteil haben, einander die Füße waschen – das meint: Jeder ist Dienender und zugleich Bedienter. Nur dann kann von Güte und Liebe gesprochen werden, wenn es Geben und Nehmen, Empfangen und Weiterschenken gibt. Wie wir den Dienst einer anderen Person annehmen und ihre Liebe empfangen, bestimmt die Qualität unseres sozialen Handelns. Caritatives Tun wird auf diese Weise „gottverdächtig", denn woher sonst käme diese Liebe. Das große Caritas-Lied, das gerne am Gründonnerstag gesungen wird, gibt Antwort:
Ubi Caritas et Amor, Deus ibi est. -  Wo Liebe ist und Güte, da wohnt Gott.

Georg Deisenrieder
Patoralreferent