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Bayerischer Werkstättentag 2017 in Regensburg

Werkstätten für Menschen mit Behinderung auf Zukunftskurs Inklusion

Sie sind unverzichtbare Teilhabepartner in einem inklusiven Arbeitsmarkt. Sie sind die Profis für berufliche Qualifizierung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind mit die wichtigsten Akteure zur Weiterentwicklung der Teilhabe am Arbeitsleben. Bayerns Sozialministerin Emilia Müller, Bezirkstagspräsident Franz Löffler und Klaus Beier, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, stellten beim Bayerischen Werkstättentag 2017 die Zukunft der Werkstätten in den Kontext der Neuerungen des Bundesteilhabegesetzes. Außerdem bezog der stellvertretende Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in Bayern, Joachim Gradl, Stellung.

Beim diesjährigen Bayerischen Werkstättentag in der Continental Arena in Regensburg nahm der Veranstalter, die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Bayern e.V. (LAG WfbM Bayern e.V.), die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes auf Landes- und Bezirksebene in den Blick. Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer begrüßte die Ehrengäste, das Fachpublikum und rd. 160 Vertreter aus den bayerischen Werkstätten zu diesem Anlass herzlich in Regensburg.

Budget für Arbeit: Auf das „Wie" kommt es an.
Das Bundesteilhabegesetz will als Gesetz zur „Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung" ausdrücklich auch die Chancen zur Teilhabe am Arbeitsleben verbessern. Mit dem Budget für Arbeit etwa will der Gesetzgeber insbesondere mehr Menschen mit schweren Behinderungen die Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt ermöglichen. Arbeitgeber erhalten einen Lohnkostenzuschuss als Minderleistungsausgleich, die Arbeitnehmer werden kontinuierlich am Arbeitsplatz unterstützt. Allerdings ist die im Bundesteilhabegesetz vorgeschlagene Höhe des Lohnkostenzuschusses bzw. die Höhe der Aufwendungen für Betreuungsleistungen viel zu niedrig angesetzt. Die LAG WfbM Bayern e.V. unterstützt das Budget für Arbeit grundsätzlich, setzt sich jedoch dafür ein, dass in Bayern ein Bezug zur tariflichen oder ortsüblichen Entlohnung hergestellt wird. „Ein Budget für Arbeit kommt für Arbeitgeber sicher nur dann in Frage, wenn die zu erwartende Minderleistung bzw. der Aufwand für zusätzliche Betreuungsleistungen adäquat ausgeglichen werden", sagte der 1. Vorsitzende der LAG WfbM Bayern e.V. Hans Horn. Wichtig ist ihm überdies, dass die Qualität der Assistenzleistungen am Arbeitsplatz gewährleistet ist. Ebenso sei die Ermittlung des Assistenzbedarfs länderrechtlich zu regeln, so die Forderung der LAG. Wie auch immer diese Weiterentwicklung gelingt, sie geschieht vor dem Hintergrund, dass aktuell in Bayern die über 36.000 in etwa 120 Werkstätten mit ihren Förderstätten beschäftigten Menschen mit Behinderung nur unter den besonderen Rahmenbedingungen einer Werkstatt am Arbeitsleben teilhaben können.

Welche Veränderungen bringt das Bundesteilhabegesetz für Werkstätten?
Bayerns Sozialministerin Emilia Müller bezog dazu beim Bayerischen Werkstättentag Stellung: „Zweifellos stellt uns das neue Bundesteilhabegesetz vor Herausforderungen. Bestehende Strukturen und Verfahren müssen überdacht und Neues muss entwickelt werden. Aber wir erarbeiten die landesrechtliche Umsetzung des BTHG zusammen mit allen Interessenvertretern in einem offenen, vertrauensvollen Dialog. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir Lösungen erarbeiten werden, mit denen alle Beteiligten gut zurechtkommen können. Bayern bekennt sich auch weiterhin mit einem klaren „Ja" zu den Werkstätten."

An der Ausgestaltung des Bundesteilhabegesetzes sind die Bezirke maßgeblich beteiligt. Für Bezirkstagspräsident Franz Löffler sind dabei folgende Aspekte von besonderer Bedeutung: „Die klassische Werkstatt für Menschen mit Behinderung mit dem jahrelang etablierten Betreuungsanbot, den vielfältigen Möglichkeiten der Beschäftigung und auch seinen arbeitsbegleitenden Maßnahmen wird weiterhin wichtige Bedeutung haben. Der Bezirk Oberpfalz wird gemeinsam mit dem Bayerischen Bezirketag an einem Strang ziehen, um das neue Bundesteilhabegesetz aktiv mitzugestalten. Wir wollen gemeinsam mit allen Beteiligten Barrieren am Arbeitsmarkt abbauen und wirkliche Teilhabe am Leben in der Gesellschaft voranbringen."

Klaus Beier, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, mit seiner Einschätzung zur Einführung des Bundesteilhabegesetzes: „Mit der Einführung des Bundesteilhabegesetzes organisieren sich die Behörden um den Menschen herum und nicht mehr die Menschen um die Behörden. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt und Leistungen werden wie aus einer Hand erbracht. Die Werkstätten für behinderte Menschen bleiben eine wichtige Säule der beruflichen Inklusion. Unser Ziel als Bundesagentur für Arbeit ist weiterhin, dass kein Mensch verloren geht, sondern dort, wo möglich, in den ersten Arbeitsmarkt integriert wird."

Was sagen die in den Werkstätten Beschäftigen?
Ist die Weiterentwicklung der Teilhabe und der Selbstbestimmung mit dem Bundesteilhabegesetz wirklich gelungen? Darauf hatte Joachim Gradl, stellvertretender Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in Bayern, eine differenzierte Antwort. Wenn ab 2018 andere Leistungsanbieter tätig werden können, so sieht die LAG Werkstatträte Bayern dies kritisch. Ist die gleiche Qualität der Leistungen gewährleistet? Was, wenn Menschen mit Behinderung dort keine langfristige Perspektive geboten wird? Positiv bewertete Joachim Gradl jedoch die finanziellen Verbesserungen durch das Bundesteilhabegesetz, z.B. beim Arbeitsförderungsgeld, der Anhebung der Freigrenze beim Werkstattlohn und die sukzessive Erhöhung der Vermögensfreigrenze.

Zukunft Inklusion geht nur mit den Werkstätten
Die Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind Kompetenzzentren für die berufliche Qualifizierung und die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung mit facettenreichen begleitenden pädagogischen Maßnahmen – das belegten die Beiträge aller Beteiligten beim bayerischen Werkstättentag in Regensburg. Sie sind zugleich modernste Produktionsstätten und Dienstleister. Ihre besondere Leistung ist die Zusammenarbeit mit Partnern auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sie organisieren anspruchsvolle Arbeitsplätze im besonderen Rahmen einer Werkstatt, vermitteln in Praktika und Außenarbeitsplätze, setzen Projekte wie BÜWA (Betrieblicher Übergang von der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt) um. „Werkstätten sind Motor für einen inklusiven Arbeitsmarkt", erklärt Hans Horn, 1.Vorsitzender der LAG WfbM Bayern e.V. „Vor allem aber sind sie Arbeits-, Lern- und Lebensorte für Menschen mit schweren Behinderungen, denen sich über die Teilhabe am Arbeitsleben vielfältige Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten bieten", so Horn weiter. Auf die Kompetenzen, die Erfahrungen und die Innovationskraft der Bayerischen Werkstätten können alle Teilhabepartner bauen.

Text und Bilder: Christine Allgeyer