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50 Jahre Erziehungsberatung der KJF in Weiden

„Wie Familie gut gelingt"

Seit einem halben Jahrhundert besteht die Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg (KJF) in Weiden-Neustadt/WN. Sie richtet sich mit ihrem Angebot an Kinder, Jugendlichen, Eltern, Sorgeberechtigte und Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe, z.B. Kindertagesstätten, Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendämter. Sie alle haben einen Auftrag, ein Ziel: Bei Konflikten, Irritationen und Belastungen im Zusammenleben von Kindern und Eltern geben sie wertvollste Hilfestellungen, damit „Familie gut gelingt". Daraus erwachsen den Betroffenen neue Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten.

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Bild: Das Team der Beratungsstelle mit Leiter Gunter Hannig (3.v.re.), dem Vorsitzenden der KJF, Domkapitular Dr. Roland Batz (re), und KJF-Direktor Michael Eibl (li)
 

Hohe fachliche und menschliche Kompetenz
„Die Aufgaben der Erziehungsberatung sind vielfältig und anspruchsvoll", stellte KJF-Direktor Michael Eibl anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Erziehungsberatungsstelle heraus. Bewältigt werden sie von Gunter Hannig, dem Leiter der Beratungsstelle, und seinem Team mit acht Kolleginnen und Kollegen. „Die Spannbreite der Probleme in den Familien ist groß und die Beratungszahlen steigen kontinuierlich", so Eibl weiter, „waren es vor 50 Jahren 190 beratene Familien jährlich, so sind es heute 480 Familien. Hinzu kommen die vielen Präventionsmaßnahmen in Schulen und Kindergärten, die weiteren, hunderten Kindern und Eltern in der Stadt Weiden und im Landkreis Neustadt /Waldnaab jedes Jahr zugutekommen. Das meistern Sie alle mit hoher fachlicher und menschlicher Kompetenz, herzlichen Dank, Ihnen Herr Hannig und Ihrem Team."

Feiern und „Danke" sagen
Wie es in der KJF guter Brauch ist, wird ein runder Geburtstag einer Einrichtung gebührend mit Freunden und Netzwerkpartnern gefeiert. Unter den Gästen begrüßte KJF-Direktor Michael Eibl Bürgermeister und Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher, den Vorsitzenden der Katholischen Jugendfürsorge, Domkapitular Dr. Roland Batz, Prof. Dr. Josef Eckstein, Mitglied des Verwaltungsrates der KJF, die Kollegen aus dem Kreiscaritasverband Weiden-Neustadt, den 1. Vorsitzenden Tobias Konze und Geschäftsführer Bernhard Uhl, Stadtpfarrer Markus Schmid und viele weitere Kooperations- und Netzwerkpartner. „Nur in einem vertrauensvollen Miteinander mit den verantwortlichen Jugendämtern und den vielen Akteuren in Kindertageseinrichtungen, in Schulen, mit Hebammen, Ärzten, vermehrt auch der Justiz kann ein vielfältiges Beratungs- und Unterstützungsangebot bereitgehalten werden, das  den Boden für gelingende Zukunft bereiten kann", so Eibl, „Ich danke Ihnen allen, die Sie an der Entwicklung von Hilfebausteinen in der Jugendhilfe Ihren Beitrag leisten."

Eibls Dank galt weiter dem Freistaat Bayern, den Kommunen und der Diözese Regensburg, welche die wichtige und effektive Aufgabe der Erziehungsberatung finanziell unterstützen. „Gut angelegtes Geld", so Eibl, „denn, das hat in diesem Jahr eine Studie des Kinder- und Jugendhilfeinstituts Mainz, an der auch Beratungsstellen der KJF teilgenommen haben, festgestellt: Die Erziehungsberatungsstellen gehören zu den wirkungsvollsten Hilfen zur Erziehung in Deutschland."

Familienwelten verändern sich
Darauf hat die Erziehungsberatungsstelle in Weiden in den 50 Jahren ihres Bestehens erfolgreich reagiert und immer wieder neue zielgruppen-orientierte Angebote entwickelt. Rasant fordert das gesellschaftliche Umfeld Leistung und Tempo von Familien und konfrontiert sie mit Themen, die sie oft genug nicht nur fordern, sondern überfordern. Die Veränderungen in der Gesellschaft und in den familiären Wirklichkeiten begleiten das multiprofessionelle Team der Erziehungsberatungsstelle über die Jahre hinweg. Die Fachkräfte bleiben flexibel, entwickeln ihre Angebote weiter und bilden sich stetig fort. Familienwelten verändern sich und somit auch die Fragestellungen an die Erziehungsberatung. „Vor 50 Jahren standen Entwicklungsauffälligkeiten, Leistungsprobleme in der Schule und Auffälligkeiten in der Sprache im Vordergrund", erklärt Gunter Hannig, „heute werden vor allem Kinder angemeldet, die sich hinsichtlich ihrer Gefühle oder ihres Verhaltens schlecht regulieren können. Zudem werden familiäre Konfliktlagen häufig als Gründe genannt." Dabei kämen gesellschaftliche Veränderungen ebenso zum Tragen wie Trennung und Scheidung. Die Entwicklung der Gesellschaft von „analog" zu „digital" wirke sich zudem auf die Lebenswelten aller aus.

Sicherheit der klassischen Familienform löst sich auf
Als die Beratungsstelle in den sechziger Jahren gegründet wurde, lebten die meisten Kinder in ihren Herkunftsfamilien mit Mutter und Vater, nicht selten auch unterstützt von Großeltern. Heute wird die Beratung zu großen Teilen von Alleinerziehenden, Stieffamilien und so genannten Patchwork-Familien in Anspruch genommen. Die Scheidungs- bzw. Trennungsrate ist seit den Siebzigerjahren stark gestiegen. „Die jungen Eltern, die jetzt zu uns kommen, lebten oft schon bei Eltern, die sich getrennt haben. Insgesamt scheint sich die vertraute Stabilität und Sicherheit der klassischen Familienform aufzulösen", sagt Gunter Hannig. Dies spiegle sich in den Nöten und Bedürfnissen der Eltern, Kinder und Jugendlichen wider. Gerade im Zusammenhang der großen Übergänge im Leben der Eltern wie auch der Kinder besteht ein wachsender Unterstützungsbedarf und auch die Erfordernis, spezielle Angebote für besondere Zielgruppe anzubieten und weiterzuentwickeln. Frühe Hilfen für Eltern mit Kleinkindern sind hier zu nennen wir auch die Erweiterung des Angebotes im Kontext von Trennung/Scheidung bzw. Umgang und Sorgerecht. Beispiele hierfür sind die Schreibabyberatung, die Konfliktberatung für Eltern und der KIB-Kurs, in dem Eltern in Trennung dabei unterstützt werden, die Trennungskrise mit ihren Kindern und die Zeit danach besser zu bewältigen.

Zeitnah richtige Hilfen bereitstellen
Eine besondere Zielgruppe der Erziehungsberatung in Weiden stellen Jugendliche und junge Erwachsene dar - junge Menschen im „Niemandsland" zwischen Jugendalter und Erwachsensein. Vor 50 Jahren wandten sich nur vereinzelt Jugendliche an die Beratungsstelle. Mit der Jahrtausendwende allerdings sprang die Zahl der „jugendlichen Selbstmelder" aufgrund verstärkter Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen mit Schulen sprunghaft an. Heute liegt der Anteil der jungen Menschen zwischen 16 und 23 Jahren, die in die Beratungsstelle nach Weiden kommen bei ca. 20 %. Diese jungen Menschen auch in Zukunft zu erreichen und zeitnah mit passenden Hilfe zu versorgen, erachtet Gunter Hannig als eine der größten Herausforderungen. „Es bedarf weiterhin gerade im Kontext der veränderten Mediengewohnheiten großer Anstrengungen unsererseits Zugangswege zu überdenken und die Zusammenarbeit mit Zuweisern und Kooperationspartner zu intensivieren."

Weiterführende Informationen:

  • Eröffnung der Erziehungsberatungsstelle in Weiden 1967 in Trägerschaft des Caritasverbandes, als erste Einrichtung dieser Art in der nördlichen Oberpfalz
  • Aufbauarbeit in den ersten Jahren: gezielte Ausstattung mit Spiel- und Therapiematerial, Einführung der statistischen Dokumentation, praktische Umsetzung theoretischer, beraterischer und therapeutischer Konzepte.
  • Einzugsgebiet damals: Stadt Weiden, damalige Lkr. Neustadt, Eschenbach, Vohenstrauß, Tirschenreuth, Kemnath, Nabburg, Oberviechtach bis Marktredwitz und Amberg
  • Einzugsgebiet heute: Stadt Weiden und Landkreises Neustadt/WN
  • Inhaltliche Schwerpunkte damals: psychologisch-pädagogische Beratung, bei der Entwicklungsverzögerungen und Schulprobleme im Vordergrund standen, Sprachheilbehandlung als besonderer Schwerpunkt der Beratungsstelle
  • Inhaltliche Schwerpunkte heute: Trennungs- und Scheidungsberatung, Gruppenangebote für Trennungs-/Scheidungs- Eltern (Kinder im Blick) und für Kinder (Soziale Kompetenz), Diagnostik, Therapie, Schreibabyambulanz, Kinder- und Elterngruppenangebote, präventive Angebote und Netzwerkveranstaltungen.
  • 90er Jahre: Konzeptionelle Weiterentwicklung des multiprofessionellen Teams
  • 1997 Trägerwechsel zur KJF, Einbindung in Netzwerk von 10 EBs der KJF in Ostbayern

Warum suchen Familien Rat und Unterstützung in der Erziehungsberatungsstelle?

  • hochstrittige Trennungs- oder Scheidungssituationen mit Vernachlässigung, Schlaflosigkeit oder Verlustängste bei Kindern
  • Schulängste und Mobbing bei jungen Menschen
  • Traumatisierende körperliche, sexuelle oder psychische Gewalterfahrungen bei Kindern
  • Eltern, Lehrkräfte und Erzieher kommen an erzieherische Grenzen
  • Computer- oder Alkoholkonsum, Schulschwänzen und Schulverweigerung

Text: Christine Allgeyer
Bild: Robert Gruber