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"Wer schon zwei Jahre da ist, sollte nicht abgeschoben werden"

München (KNA) - Interview: Michael Eibl wirbt für anderen Umgang mit jungen Flüchtlingen

Von Christoph Renzikowski

Die kirchlichen Jugendhilfeträger haben am Freitag ein Umdenken der Staatsregierung beim Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gefordert. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach mit dem Direktor der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg, Michael Eibl (55). Eibl sagt, dabei gehe es auch um die innere Sicherheit in Deutschland.

KNA: Herr Eibl, Sie vertreten die katholische Jugendhilfe in Bayern, die sich auch um 2.200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert, fast die Hälfte sind Afghanen. Wie geht es denen gerade?

Eibl: Überhaupt nicht gut. Sie bekommen die Sammeltransporte mit und haben große Angst, dass sie die nächsten sind. Obwohl sie zum Teil schon zwei Jahre da sind. In dieser Zeit haben wir die jungen Leute motiviert, Deutsch zu lernen, sich auf eine Ausbildung vorzubereiten. Und jetzt dann dieser Schlag, wenn der Ablehnungsbescheid kommt. Das wirkt sich in unseren Einrichtungen verheerend aus, von Depressionen bis hin zu Suizidgedanken bei den Jugendlichen.

KNA: Was schlagen Sie vor?

Eibl: Wer schon zwei Jahre da ist, sollte nicht abgeschoben werden, sondern nach der 3 plus 2Regelung einen Beruf erlernen und ihn auch noch einige Jahre in Deutschland ausüben dürfen. Die jungen Menschen können ja nichts dafür, dass sie so lange auf ihre Anhörung warten mussten. Da haben dann Asylentscheider eine Stunde Zeit, sich ein Bild zu machen von dem Menschen, der ihnen oft stark verunsichert gegenübersitzt. Uns, die wir ihn schon viel länger und gründlicher kennen, bezieht man nicht ein. Dabei können wir sehr wohl unterscheiden zwischen den wenigen, die ein System einfach ausnutzen, und den vielen, die hochmotiviert hier eine Ausbildung machen wollen, um dann, wenn sie in ihr Land zurückkehren, mit anzupacken.

KNA: Ist Afghanistan ein sicheres Drittland?

Eibl: Aus meiner Sicht nicht. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Situation dort nicht wesentlich verbessert, eher im Gegenteil. Und jetzt nur deshalb, weil uns diese Flüchtlinge belasten, den Status dieses Landes umzudefinieren, ist der falsche Weg.

KNA: Was wäre der richtige?

Eibl: Wir müssen in Deutschland genau überlegen: Was können wir diesen jungen Menschen mitgeben? Wenn wir das nicht tun, kehren sie als Verlierer in ihre Heimatländer zurück, werden geächtet und dann zum Sicherheitsrisiko. Und bei uns werden sie das auch, wenn wir sie ohne Zukunftsperspektive den ganzen Tag nur rumhängen lassen.

KNA: Es werden aber nicht alle Ihre Schützlinge in Deutschland bleiben können, nicht einmal für eine Ausbildung. Was wird aus denen?

Eibl: Wir leben in einem Rechtsstaat. Wenn einer endgültig abgelehnt ist und alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, sehe ich es als unsere Aufgabe, diesen Menschen weiter zu begleiten, dass er möglichst freiwillig ausreist. Das ist ein Gebot der Ehrlichkeit. Wenn einer aus einer Wohngruppe von vielleicht zehn afghanischen und syrischen Flüchtlingen ausreisen muss, ist es wichtig, das mit allen zu besprechen, um den Frieden in dieser Gruppe zu sichern. Wenn der einfach herausgerissen wird, ist das eine Katastrophe, auch für die, die hierbleiben. Wir haben das schon erlebt.

KNA: In Bayern wird dieses und nächstes Jahr gewählt. Welche Chancen rechnen Sie sich aus, jetzt mit Ihren Themen durchzudringen?

Eibl: Wir müssen den Mut haben, gegen Pegida und AfD die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Werte unserer Verfassung. Die verbieten es, zwischen den Menschen, die zu uns kommen, und denen, die hier leben, einen Wertunterschied aufzumachen. Wir wollen einen Gegenpol der Menschlichkeit bilden zu denen, die die Ellenbogen ausfahren.

KNA: Und wie machen Sie das? Eibl: Sicher nicht aus dem Handgelenk heraus. Wir haben die Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre intensiv ausgewertet. Detaillierte Zahlen und Fallbeispiele liegen jetzt vor. Das ist eine gute Faktenbasis. Wir müssen der Gesellschaft und der Politik verdeutlichen: Wenn wir jetzt nicht eine vernünftige Perspektive für diese jungen Menschen schaffen, gefährdet das den inneren Frieden auch bei uns. Bestärkt fühlen wir uns durch aktuelle Forschungsergebnisse, die zeigen: Bei jungen Flüchtlingen, sowohl minderjährigen wie gerade volljährigen, ist die Jugendhilfe höchst effizient. Das gilt für die Sprachförderung, das Verhalten, die Integrationsfähigkeit. Das heißt, unsere Arbeit ist nicht nur pädagogisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.

KNA: Der bayerische Finanzminister hat mehrfach öffentlich gerügt, die Rundumbetreuung junger Flüchtlinge wäre viel zu teuer.

Eibl: Da wurde auch mit falschen Zahlen operiert. Das können wir beweisen. Nicht jeder junge Flüchtling braucht das große Hilfepaket mit einem Tagessatz von 130 Euro. Im betreuten Wohnen kommt man mit 40 Euro aus. Wenn wir jetzt für die Neuankömmlinge wieder Clearing-Verfahren installieren würden, wie es sie vor Beginn der großen Flüchtlingswelle schon einmal gab, ließe sich in sechs bis acht Wochen für jeden die passgenaue Hilfe ermitteln. Gerade nach Erreichen der Volljährigkeit genügt oft schon eine lose sozialpädagogische Betreuung, aber eben nicht immer. Im Gespräch mit dem Finanzminister habe ich gespürt, dass er offen für diese klaren Fakten ist.

Interview: KNA, Christoph Renzikowski (KNA - rkplk-89-00043) - veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.