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„Sie bekommen sehr genaue Mitarbeiter.“

Fachtagung über die Beschäftigung von Autisten

Regensburg – Als nach dem Vortragsprogramm Arbeitnehmer und Arbeitgeber aus Ostbayern vor das Publikum im Saal der Handwerkskammer (HWK) Niederbayern-Oberpfalz in Regensburg traten, wurde die Veranstaltung praxisnah, bunt und lebendig. Die Beschäftigten, die sich vorstellten, eint: Bei ihnen wurde Autismus diagnostiziert. Die präsentierten Arbeitgeber verbindet Mut. Sie alle hatten es gewagt, sich auf etwas Neues einzulassen und diesen Menschen einen Arbeitsplatz zu geben. Denn allen Anstrengungen zum Trotz sind Autisten noch immer eine Gruppe, die stark von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen ist. Mehr als 80 Teilnehmer folgten der Einladung des Integrationsfachdienstes Oberpfalz (ifd) unter der Leitung von Manina Sobe und des Netzwerkes Autismus um sich über das Behinderungsbild und seine Ausprägung im Arbeitsalltag zu informieren.

(v.li.) KJF-Direktor Michael Eibl, Diplom Psychologin Janka Steuernagel, Diplom Sozialpädagogin Heike Vogel (beide Netzwerk Autismus), Walter Krug, Gesamtleiter B.B.W. Abensberg, Manina Sobe, Leiterin ifd Oberpfalz, Dirk Müller-Remus, Gründer des Unternehmens Diversicon, Verena Ninding, Bereichsleiterin ifd Oberpfalz

Die Ratschläge der Arbeitgeber ins Publikum an andere Firmenchefs fielen einstimmig aus: „Einfach ausprobieren. Man kann nichts falsch machen", sagte Uwe Schimmelpfennig von der Metall-Elektro-Recycling GmbH MER, die einen jungen Autisten beschäftigt. Für Rossmann erklärte Bezirksleiterin Michaela Aschenbrenner: „Sie bekommen sehr genaue Mitarbeiter." Die Drogeriekette beschäftigt in einer Regensburger Filiale einen Autisten als Verkäufer. „Wir haben einen loyalen Mitarbeiter gewonnen, der gerne Arbeiten erledigt, die sonst keiner machen mag", erläuterte Michael Fleischmann von der auf Automatisierungstechnik spezialisierten Firma evopro AG in Regensburg. Kontrolltätigkeiten und genaue Arbeiten seien sein Ding. Das Großhandelsunternehmen Keller & Kalmbach holte sich eine Autistin als kaufmännische Auszubildende ins Team, die nun mit erstklassigen Prüfungsleistungen glänzt.

„Diese Fachtagung will mit Ängsten und Vorurteilen aufräumen", betonte der Präsident der HWK Niederbayern-Oberpfalz, Dr. Georg Haber, der als Schirmherr fungierte. „In Zeiten des Fachkräftemangels können wir es uns gar nicht leisten, bestimmte Gruppen und deren Potentiale auszulassen." Das Handwerk und der Mittelstand seien schon heute Vorreiter bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. „Betriebe können zu Mutmachern werden", appellierte Michael Eibl, Direktor der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg, Träger der Veranstalter, an das Publikum. „Um Menschen mit Autismus im Arbeitsleben zu begleiten, ist ein Netzwerk wichtig", betonte er. In Richtung der anwesenden Kostenträger von Integrationsmaßnahmen sagte er: „Es sind individuelle Programme nötig. Es ist nicht die Zeit für Standardlösungen."

Ostbayerische Arbeitgeber mit ihren Arbeitnehmern mit Autismus und den Veranstaltern vom ifd Oberpfalz. Von links: Markus Buchner, Helfer Firma MER, Uwe Schimmelpfennig, Betriebsleiter Firma MER, Michaela Aschenbrenner, Bezirksleiterin Firma Rossmann, Verena Ninding, Bereichsleiterin ifd Oberpfalz, Johann Sittauer, Verkäufer Firma Rossmann, Manina Sobe, Leiterin ifd Oberpfalz, Michael Fleischmann, kaufmännischer Leiter der Firma evopro AG, Oliver Rauh Mitarbeiter evopro AG, Maria Pöschl, Auszubildende Keller & Kalmbach, André Nickley, Berater ifd Oberpfalz

Als einer der Hauptredner stellte Dirk Müller-Remus sein Berliner Unternehmen Diversicon vor, das auf die Vermittlung von Menschen mit Autismus spezialisiert ist. Bereits 2011 gründete er ein IT-Unternehmen, in dem fast ausschließlich Autisten beschäftigt sind. Remus stellte vor, wie Autisten erfolgreich integriert werden können. „Autisten sagen ihnen nicht, was sie können", erklärte er. „Das müssen sie ihnen aus der Nase ziehen." Erst dann könne man den passenden Arbeitsplatz finden. Pauschal seien ihre Stärken zum Beispiel Detailgenauigkeit, Strukturliebe und Qualitätsbewusstsein. „Autisten fallen Fehler auf", erklärte der Fachmann. Passende berufliche Aufgaben seien unter anderem das Qualitätsmanagement, die Konsistenzprüfung oder anspruchsvolle Soll-Ist-Abgleiche. Dreh- und Angelpunkt sei ein erfolgreiches Job Coaching, erklärte Müller-Remus. Darunter ist die aktive Unterstützung der Eingliederung am Arbeitsplatz durch einen externen Berater zu verstehen.

Als Fachmann für die Ausbildung von Menschen mit Autismus lobte Walter Krug dieses Konzept: „Besonders gut ist, dass sie die Firmen und die Mitarbeiter auf den neuen Kollegen mit Autismus vorbereiten", betonte der Leiter des Berufsbildungswerkes (B.B.W.) Abensberg. „Autismus ist kein Phänomen, das sich irgendwann auflöst. Autismus bleibt ein Leben lang." Krug stellte den Teilnehmern vor, wie und in welchen Bereichen das B.B.W. junge Menschen mit Autismus ausbildet. Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Behinderung ist das Netzwerk Autismus. „Wir verfügen über ein breites Netzwerk", erklärte Heike Vogel von der Beratungsstelle. Vor allem das Thema „Arbeit" nehme einen großen Stellenwert ein. Welche Möglichkeiten es bei der Beschäftigung von Menschen mit Autismus gibt, erklärte die Bereichsleiterin vom ifd Verena Ninding. Mit dem Programm „Unterstützte Beschäftigung" sei es schon mehrfach gelungen, Menschen mit Autismus erfolgreich zu integrieren. Die Maßnahme sehe die Möglichkeit vor, angehende Mitarbeiter durch Praktika zu qualifizieren. Zudem stehe langfristig ein Job Coach zur Verfügung, der die Arbeitgeber unterstütze. „Diese Möglichkeit reicht auch über den Arbeitsvertrag hinaus", betonte Ninding.

Über mehrere Stunden lieferte die Tagung theoretisches Wissen über das Behinderungsbild. Greifbar machte diese Informationen die Möglichkeit, am Ende der Veranstaltung betroffene Arbeitnehmer persönlich kennenzulernen. Ihre Botschaften in die Tagungsrunde fielen emotional aus: „Man muss sich so akzeptieren, wie man ist", betonte eine junge Frau. „Sei immer du selbst und glaube an dich", riet ein anderer und ein junger Autist fuhr fort: „Man soll niemals aufhören zu kämpfen. Es lohnt sich einfach."

Text: Martina Groh-Schad
Bild: Martina Groh-Schad